Tbilissi vor 28 Jahren

Die Flugtickets von Weihnachten 1991 liegen noch in irgendeiner Archivkiste herum, sie sind unbenutzt. Denn als die Koffer gerade gepackt waren und der Transfer zum Flughafen Frankfurt anstand, wurde der geplante Weihnachtsurlaub der Familie des ERKA-Reisen-Gründers Rainer Kaufmann jäh abgebrochen. Ein Anruf eines Freundes aus Tbilissi – er arbeitete damals im georgischen Außenministerium – hatte die Botschaft übermittelt: „Bleibt zu Hause – hier wird geschossen!“ Es war der Militätputsch gegen den ersten nachsowjetischen Präsidenten Georgiens, Swiad Gamsachurdia. An Dreikönig 1992 flog Rainer Kaufmann dann mit dem ersten Linienflug, den es nach dem Putsch gab, von Wien nach Tbilissi. Die Airline: Aeroflot. Im Flieger keine 20 Personen.

Hier die Bilder von der Tbilisser Innenstadt in diesen Tagen, die man scherzhafterweise „Kitovanis Ausstellung“ bezeichnete. Tengis Kitovani, einer der Anführer des Putsches zweier Privatarmeen, war in seinem Vorleben nämlich zunächst Künstler, dann Leibwächter Gamsachurdias. Die beiden ersten Bilder zeigen den Innenhof des Parlaments nach dem Putsch.

 

Diese Stalinorgel, die auf das Parlamentsgebäude ausgerichtet war, stand im halbrunden Eck des heutigen Marriot-Hotels und zwar genau da, wo sich heute das Cafe Parnass befindet.

Das 1. Gymnasium am Rustaveli-Prospekt gleich nach dem Putsch. Erstaunlicherweise haben die beiden georgischen Nationaldichter den Granathagel unversehrt überstanden. Die Schule wurde nach relativ kurzer Zeit aber renoviert.

 

Sozialister Plattencharme der 90-er Jahre und ein Eindruck vom damaligen Zustand des Mtazminda-Vergnügungsparks.

 

Und hier noch ein besonderes Dokument der Zeitgeschichte, allerdings rund ein Jahrzehnt später. Antropows Ohren wurde die große Redner- und Nomenklatur-Tribüne am Platz gegenüber dem damaligen Iveria-Hotel genannt, auf der früher immer Mai- und andere Militärparaden abgenommen wurden. Vor etwa zehn Jahren wurde das Beton-Monstrum gesprengt. Das Foto rechts zeigt die Folgen des ersten Hammerschlags, mit dem Mischa Saakaschwili schon vor vielen Jahren demonstrativ Hand an das Monument des Sozialismus gelegt hatte. Das Bild entstand einen Tag nach der großen PR-Aktion des damaligen Präsidenten, auf dem Podest liegen noch die Beton-Bruchstücke, die die demokratische Reform des Landes symbolisieren sollten.

 

In einer Woche an dieser Stelle: Tbilissi – Perle des Jugendstils. Es gab schon immer auch Schönes zu fotografieren in der georgischen Hauptstadt. Das wollen wir nicht vergessen.

 

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